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Sie sind die Korallen des Süßwassers, filigran, artenreich, fotogen und doch verkannt. Alle höheren Wasserpflanzen stammen mit Ausnahme
der Algen von Landpflanzen ab. Allerdings ist der Anteil der ins Wasser gewanderten Arten sehr gering. Gerade mal 1% hat sich im Laufe der Jahrmillionen diesem neuen
Lebensraum angepasst.
Auf dem Weg ins nasse Element haben sie erfolgreiche Strategien entwickelt und alte Organe durch neue und wirkungsvollere ersetzt.
Ihr Vorstoß in die Tiefe wird indes durch das abnehmende Licht begrenzt und endet normalerweise in 8 -10 m, in trüben Gewässern auch schon mal in 2 m. Als Mauer
wirkt auch der Wasserdruck. Gasgefüllte Pflanzenstängel können in großen Tiefen den Gastransport nicht mehr bewerkstelligen, weil die luftgefüllten Abschnitte zu stark
komprimiert werden. Ähnlich einem Neoprenanzug, der in großen Tiefen immer dünner wird. Nur im Titicacasee in den Anden (3800 m hoch gelegen) können wegen des
schwächeren Luftdrucks noch Pflanzen in über 12 m Tiefe festgestellt werden. Algen und Moose sind da erheblich widerstandsfähiger. Im amerikanischen Lake Tahoe mit
seinem extrem klaren Wasser findet man sie noch in 122 m Tiefe. Anders im trüberen Genfersee. Dort endet Quellmoos in 25 m Tiefe. Wasser stellt bei der
Fortpflanzung gewisser Pflanzenarten ein großes Hemmnis dar. Einige, wie das Tausendblatt und das Laichkraut, müssen bis zur Wasseroberfläche hinaufwachsen, damit ihre
Blüten durch Insekten bestäubt werden können. Andere Arten haben den Evolutionssprung bereits vollzogen und verteilen ihre Pollen ins Wasser. Am weitesten sind die,
die sich selbst befruchten. Die eingeschleppte kanadische Wasserpest verzichtet sogar völlig auf die sexuelle Vermehrung und pflanzt sich vegetativ fort. Unter
Wasserpflanzen gibt es Zwerge und Riesen. Am kleinsten ist die wurzellose Zwerglinse mit einem Durchmesser von nur 0,6 bis 1,3 mm. Am größten wird die Seerose, deren
Stängel über 3 m hoch werden können und deren Blätter sich wie grüne Bratpfannen im Wasser ausbreiten. Wer glaubt, dass es in der Welt der Pflanzen friedlich zugeht,
irrt wie selten zuvor. Es gibt nichts hinterhältigeres und gemeineres wie Wasserpflanzen. „Krieg im Reich der Flora“ könnte man diesen Daseinskampf nennen. Mit
allen Tricks versuchen die verschiedenen Arten sich das Leben schwer zu machen. Einige, wie das Tausendblatt, schrecken auch vor einer chemischen Kriegsführung nicht
zurück. Sie geben phenolische Substanzen ins Wasser ab, die das Wachstum der Nachbarn hemmen. Andere streben mit Macht in Richtung Sonne und versuchen möglichst
schnell zu wachsen, um der Konkurrenz das Sonnenlicht abzugraben und sie im Schatten der eigenen Größe klein zu halten. Noch hinterhältiger treibt es die
eingeschleppte kanadische Wasserpest. Sie vermehrt sich vegetativ mit solcher Geschwindigkeit, dass vielen heimischen Arten ob der explosiven Verdrängung nur der
Rückzug bleibt. Anders die Armleuchteralgen. Sie können mit dem in ihren gelagerten schwefelhaltigen Stoff andere Pflanzen unterdrücken, benötigen aber kalkiges
Wasser. In einem einzigartigen biogenen Vorgang lagert sich der Kalk auf den Pflanzen ab. Wegen ihres hohen Kalkgehaltes wurden sie früher als Dünger benutzt. Im
oberbayrischen Lustsee findet man die zähen Pflanzen noch in 17 m Tiefe. Der Wasserschlauch bevorzugt zum Überleben eine andere Methode. Er hat sich auf den
Konsum von Lebendnahrung spezialisiert, ist ergo eine fleischfressende Pflanze. Mit seinen Fangkapseln zieht Utricularia vulgaris winzige Wasserbewohner in die unter
Unterdruck stehenden Hohlräume und verdaut diese mittels Enzymen. Der Fangapparat öffnet sich so schnell, dass kein Beutetier dem Sog entkommen kann. Nur mittels
extremster Zeitlupe ist der Vorgang überhaupt beobachtbar.Wasserpflanzen, das steht fest, gehören zu den interessantesten Bewohnern heimischer Gewässer. Mancher
Taucher, der sie geringschätzig betrachtet oder achtlos an ihnen vorüber schwimmt, ahnt nicht, was dies für eine faszinierende und mörderische Lebensgemeinschaft ist.
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